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Orthorexie – krankhaftes Gesundessen von Wolf Buchinger

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Die Sache mit Stevia

Erst nach drei Wochen habe ich auf ihrer ID zufällig festgestellt, dass sie Hildegard heisst und nicht Stevia, und dass sie sechs Jahre älter ist, als sie mir gesagt hat. Ich stellte sie sofort zur Rede von wegen lügenfreier Partnerschaft. Doch sie wies alle Unehrenhaftigkeit vehement zurück, denn die Geisel der heutigen Menschheit, die auch ihre fortschreitende Cellulitis erkläre, habe sie sechs unnötige Jahre gekostet, und sie habe sich umgetauft, weil sie das „Süssmaul Hildegard“ endgültig loswerden wollte. Heute habe sie das Gift Zucker voll im Griff, nenne sich nun Stevia nach der gleichnamigen, alles rettenden Pflanze,
Stevia

die völlig gesund und unbedenklich natürlich süsse. Und als schlagenden Beweis zog sie ihren Pulli hoch und strahlte: „Bauch weg, und auch der Busen gleich gross geblieben“.

Endlich verstand ich ihre geheimen Bewegungen im Restaurant und beim Einkaufen, wenn sie dezent in ihrer Handtasche fummelte und halblaut zu sich Zahlen flüsterte; ich interpretierte es als ständige Kontrolle ihrer SMS, doch sie rechnete Zuckeranteile durch und wie viel sie zunehmen werde, wenn sie das eine oder andere Produkt essen werde. Sie agierte mit Kindersprüchen: „Nutella, Ketchup, Haribo machen nur die Ärzte froh!“ oder „Milka, Eiscreme, Früchtetee tun dem Darm und Gürtel weh!“ Ich hatte wohl ihr lebensbeherrschendes Thema gefunden, und explosionsartig verströmte sie ihr ganzes wissen voller überzeugender Energie: Zucker ist eine Volksdroge, und die Industrie macht uns kaputt mit all diesen teuflischen versteckten Zuckeranteilen überall. Man könne nichts mehr essen, ohne Gefahr zu laufen, fett zu werden. Also muss man „die List der gewinnsüchtigen Manager austricksen und brutal exakt nachzählen und sich diszipliniert verhalten.“ Ich musste einen halbstündigen Vortrag hören über Rüben und Rohrzucker, die falschen Einstellungen zu braunem Zucker und den Gefahren von künstlichen Süssstoffen. Es wehten dutzendweise nie gehörte Begriffe wie Isomalt, Lactit, Erythrit, Xylit um meine Ohren, sie kannte präzise die Wirkungen und die Umrechnungen zu Haushaltszucker, verdammte Tomatensuppen, Kekse und zu meinem Schrecken allen Alkohol und kam endlich zur Rettung der Menschheit und flüsterte verheissungsvoll „Stevia“. Mit diesem sage und schreibe 300-mal süsseren Stoff wird die Menschheit schlanker, gesünder, fit und natürlich auch schöner.

Sie hatte mich überzeugt. Ich nahm sie mit einer Mischung aus Dankbarkeit und Zweifel in den Arm und flüsterte genauso zärtlich in ihr Ohr: „Danke Stevia für Stevia!“ Sie hatte sofort verstanden und zeigte mir alle wichtigen Teile ihres Körpers, wie sie bei Hildegard aussahen und wie jetzt bei Stevia. Ich war einfach nur berauscht von dem Ergebnis und wir taten das, was auch ohne Zucker gut und schön ist, sie zählte jede Bewegung ihres Beckens mit, genoss honigsüss und griff danach sofort in ihre Handtasche, fand schnell den Rechner, tippte etliche Zahlen ein und sagte ernüchtert wie eine Verkäuferin an der Kasse: „Sorry, wir müssen es nochmals tun, der Cappuccino von heute früh ist noch nicht abgedient“.

Nebelspalter 4/11

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