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Die Entarschlöcherisierung

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von Wolf Buchinger

„Ihr durftet noch ein paar von ihnen erleben“, werden unsere Enkel uns beneiden. „Ihr habt auch noch die Entnazifizierung in euren Genen.“ Ja, unsere Generation der 60plus ist stolz auf sich, denn sie hat Geschichte geschrieben, die in einem Atemzug in der Zukunft mit der Abschaffung der Sklaverei und der Einführung der Demokratie erwähnt werden wird.
Macht
Angefangen hat alles mit den Nürnberger Prozessen, in denen die Kriegsverbrechen des Zweiten Weltkrieges gesühnt wurden,

wenigstens auf der deutschen Seite. Es dauerte Jahrzehnte bis zum Internationalen Gerichtshof in den Haag, doch der eigentliche Durchbruch zur Abschaffung aller selbsternannten egozentrischen Herrscher begann 2011 mit den Revolten in Nordafrika. Ab sofort massen alle Völker dieser Welt ihre Führer und Politiker mit deren Volksverträglichkeit, und die Abschaffung der Despoten schwappte auf die ganze Welt über. Wie schon in Arabien traf es nun nicht mehr überraschend alle westlichen Länder, gerade die islamisch geführten Drittweltstaaten jagten ihre Despoten in die Wüste.

Dies war der erste Streich und der zweite folgt sogleich. Das neue Bewusstsein der Macht des Volkes, vergleichbar mit den Anfängen in der Französischen Revolution, stürzte sich nun auf exorbitante Wirtschaftsbosse, wer zu viel bekam und nicht zurückkrebsen wollte, wurde von den Aktionären aus dem Amt gejagt. Adieu Ackermann, adieu Grübel.

Nun verselbständigte sich die Entwicklung. In allen Betrieben wurden selbstherrliche Bosse und Entscheide definiert und zügig entfernt, es gab die erste CEO-Massenarbeitslosigkeit. Die Messlatte rutschte immer tiefer: Bald waren alle autoritären Lehrer dran, dann Stadtpräsidenten und Parteiführer, schliesslich alle Konzerne mit zu hohen Gewinnmargen (die sogenannte „Aldiisierung“), Frauen machten mobil gegenüber unterdrückenden Ehemänner, im Gegenzug veranstalteten Männer Jagden auf herrschsüchtige Frauen, Behörden wurden von unkommunikativen Mitarbeitern entseucht, das Militär von entsprechenden Offizieren, was zu einem eklatanten Mangel führte, die Kindergärten von zu resoluten Betreuerinnen, Servicepersonal ohne Blickkontakt und Lächeln wurde entlassen, was zu einem Anschwellen von Selfservicelokalen führte, schliesslich war das untere Ende der Skala erreicht, als alle Nutten arbeitslos wurden, wenn sie Orgasmen vorspielten.

Unsere Welt war nach heutigen Verhältnissen eine total andere geworden. Die Macht war demokratisiert, jeder konnte Rückfälle in alte Verhältnisse vor Gericht stoppen lassen, die menschlichen Beziehungen waren „schlanker“ geworden, wenig Dominanz anderer und schon gar nicht von Selbsternannten störte. Die Jugend wuchs ohne Gewalt auf, Betriebe waren überdemokratisiert, das Leben war gerecht, selbst der Tod entmachtet, denn jeder konnte selbst bestimmen, wann er stirbt oder ob die maximale Altergrenze von 120 Jahren ausgeschöpft werden solle, die nun möglich war, weil alle Aggressionen gegen negative Autoritäten abgeschafft waren und die Hälfte der menschlichen Energien freigesetzt war.

Nur in Binn im Wallis hielten sich ein paar Familien, die den Ehemann als uneingeschränkten Herrscher der Familie akzeptierten und auch den Gemeindepräsidenten wie früher herrschen liessen. Sie fühlten sich glücklicher als alle Welt und akzeptierten gerne den Massentourismus in ihr kleines Tal, denn „nur wer geführt wird, lebt wirklich.“


Nebelspalter 3/11

 

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