OneHelp!

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern

Schnellkurs für Appenzeller

E-Mail Drucken

Über den Umgang der Appenzeller mit fremden Fötzeln

Wolf Buchinger

Historisch gesehen haben die Appenzeller instinktiv alles richtig gemacht: während der Völkerwanderung wollte sie wahrscheinlich niemand in unmittelbarer Nachbarschaft, nicht nur, weil sie gerüchteweise von den Hunnen abstammen sollen, sondern weil sie immer sehr, sehr misstrauisch gegenüber allem Fremden waren. Sie wollten nur sich selbst sein (also ganz moderne Menschen) und kapselten sich hinter den Bergen in weit voneinander liegenden Gehöften ab, selbst der nähere Nachbar war suspekt. Im Laufe der Jahrhunderte blieben sie mehr oder weniger unter sich selbst, nur hie und da machten sie Ausflüge in die fruchtbaren Wiesen des Vorarlberg, wo sie ihre ganz spezielle Art mit Sensen und Dreschflegeln durchsetzten, denn die dortigen Bauern wollten ihr Gras partout nicht freiwillig hergeben.
Appenzeller und seine zurückerhaltene Kuh

Da sie alle Einflüsse von aussen verwehrten, ausschliesslich untereinander heirateten und selbst religiöse Zwiste mit zwei Halbkantonen lösten, blieben sie klein im Wuchs und mittelalterlich naiv. Diese mangelnden Kontakte nach draussen behielten sie bei bis um die Jahrtausendwende. Frauen durften nun nicht nur mitreden, sondern auch stimmen und ein Ruf ging durch das Land: „Wir werden modern!“.  Bald gab es den ersten Internetanschluss und in den einsamen Bauernhöfen flimmerte abends das Signet von Guggel, die Welt drang unaufhaltsam in die Postkartenidylle vor.

Verwirrt sahen sie fremde Sitten, andere Menschen, seltsame Länder. Sie beschlossen, versäumte Erfahrungen mit anderen Kulturen mit totaler Offenheit und Ehrlichkeit nachzuholen. So kam es, dass sie bald zu einer seltenen Ehre kamen und einen Bundesrat ins ferne Bern schicken durften, der alle Modernität des Neuen Appenzellers repräsentierte: er war klein, offen, hatte blaue Augen und wollte der Welt die Neue Ehrlichkeit des bisher zurückgezogenen Landes am Säntis demonstrieren.

Wenn bisher zwei Bauern miteinander Streit hatten, regelten sie es von Mann zu Mann. Definitiv und für immer. Noch heute erzählt man sich die Geschichte der Bauern Manser und Ebneter im ausgehenden 18. Jahrhundert. Manser hatte zwei Kühe von Ebneter in ein geheimes Maiensäss eingesperrt, weil er glaubte, sie hätten ohne Erlaubnis auf seinen Wiesen gegrast. Ein Jahr lang stritten sie ohne Erfolg. Schliesslich fasste Huldrich Ebneter allen Mut zusammen und ging den weiten Weg zu Gottfried Manser, entschuldigte sich demütig und erreichte, dass seine eingesperrten Kühe bis Ende des Monats zu ihm zurückkehrten. Mit einer Flasche Alpenbitter begossen sie ihre Übereinkunft. Und siehe da: zur vereinbarten Zeit standen die beiden Braunen im richtigen Stall. Diese mustergültige Zuverlässigkeit bei der Übereinkunft zwischen streitenden Männern nennt man seitdem „Appenzeller Bitter“.

Weitere Generationen nahmen sich dieses Verhalten zum Vorbild. Bis heute.

 

www.wolf.buchinger.ch
www.kernbeissers.ch

Nebelspalter 8/09