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Marias Brief an Lydia anno 0

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Die Weihnachtsgeschichte von Wolf Buchinger

Sei gegrüsst, Schwester Lydia,
ich hoffe, dass du dich in diesem fremden Massilia eingelebt hast und dich dein Mann genauso gut hält wie es mein Josef mit mir tut. Ich schreibe dir aus einem ganz besonderen Anlass:

Weihnachtsgeschichte


Wenn mich nicht alles täuscht, haben wir das grosse Los gezogen, denn alle Leute sagen, dass ich, die einfache, nicht mal besonders schöne Maria, einen gottähnlichen Sohn in die Welt gesetzt haben soll. Er schriet und macht in die Windeln wie ein menschliches Wesen; irgendwann soll sich das ändern, aber momentan nervt er ganz schön, wird nachts mehrmals wach und braucht Milch für zwei.

Wir können es uns aber auch plötzlich leisten, oh ja; du wirst dich wundern, wir sind nicht mehr arm, wir besitzen ein kleines Haus mit Garten und haben einiges auf der Bank beim Juden angelegt. Unserem Kleinen und uns geht es unheimlich gut und für die Zukunft ist gesorgt.

Aber alles der Reihe nach: Ein paar Monate vor unserer Hochzeit schnitt ich auf unserm Feld Lavendel, als mich ein Ausserirdischer ansprach und mir voraussagte, dass ich bald ein Kind krigen würde von einem gewissen Gott. Ich protestierte heftig, denn mit meiner Jungfräulichkeit war doch alles in Ordnung. Das ginge dieses Mal auch ohne. Er schien Recht gehabt zu haben, denn bis auf ein gewaltiges Zwicken, na, du weißt schon wo, war in der Nacht darauf nichts passiert. Meine Tage sind ab sofort ausgeblieben, kein Problem, denn schon zu Paradieszeiten soll es ja Geburten von jungfräulichen Frauen gegeben haben. Im 6. Monat hat es Josef gemerkt, ich habe zuerst gelogen und behauptet, ich hätte in letzter Zeit zuviel gegessen, aber dann musste ich mit der Wahrheit raus. Was hat der getobt, er war wild wie ein Syrer und hat mit seinen Zimmermannshänden Tisch und Stühle kaputt gehauen. Mein Vater hat ihn rausgeworfen, aber am nächsten Morgen stand er kleinlaut wieder da, hat sich entschuldigt und von Engeln im Traum geschwafelt, die ihm alles erklärt hätten. Aus der Logik von Männern wird man nicht immer so richtig schlau.

Wir haben brav und ordentlich geheiratet, ich mit dickem Bauch. Was haben die Leute gelästert…, und dann mussten wir gleich wegen dieser doofen Volkszählung nach Bethlehem, 450 Kilometer durch die Wüste. Grauenvoll! Am letzen möglichen Abend davor, - Josef kann immer noch nicht vorausschauend planen – kamen wir an. Nichts, rein gar nichts mehr ist frei! Wir tigerten durch die Stadt. Alle Hotelzimmer waren besetzt. Ausgerechnet jetzt setzten die Wehen ein; ich habe so lange gequengelt, bis Josef im hintersten Gasthof nochmals nachgefragt hat. Als der Chef wiederum „nein“ sagte, drohte er ihm, alles kurz und klein zu schlagen… und plötzlich hatten wir unsere Schlafstelle: ein riesiges Zimmer mit Wasser und natürlicher Wärme.

Die Geburt, noch in der selben Nacht, war problemlos; alles war hell und nach ein paar Minuten schon kamen Einheimische zum Gratulieren. Hier gibt es grosse, helle Schwebetiere, die ganz hoch singen können und einem auf die Nerven gehen, wenn man schlafen will. Ich höre sie noch heute, so etwas bleibt haften: „In dulci jubilohoho.“

Und dann kamen  - du kannst es mir glauben – drei richtige Könige; na ja, einer war schwarz. Sie haben Gold und Weihrauch und weiteres stinkendes Zeug auf den Kleinen gekippt, dass er bald dran erstickt wäre. Als sie gegangen waren, haben wir erst einmal nachgezählt: 360 Goldstücke; kein Ägyptergold, nein, echtes schweres arabisches Gold. Josef mietete sofort für den Rest der Zeit ein Luxuszimmer.

Und jetzt sind wir wieder in Nazareth, der Rummel um unseren Kleinen hat Gott sei Dank ein Ende, er entwickelt sich prächtig; nur eins stört mich an ihm: Ich wollte ihn wie seinen Vater „Josef“ nennen, doch der Ausserirdische hat mich gezwungen, ihm den Namen „Jesus“ zu geben; ich werde mich wohl daran gewöhnen müssen.

Sei gegrüsst von Josef, Jesus und Maria!

Weihnachtsgeschichten für Erwachsenen Band 1, Mohland-Verlag

www.wolf-buchinger.com
www.kernbeissers.ch